Wenn etwas zum Abschluss gebracht wird und endlich Gestalt annimmt, sieht man es zum ersten Mal klar. Erst aus der Sicht eines neuen Zeitalters kann man die große, breiter werdende Flut des Schrifttums voll und ganz verstehen. Unzusammenhängendes fügt sich aneinander, und das, was einst als hart und sinnlos betrachtet wurde, erscheint nun als bloßer Teilaspekt im Rahmen eines gigantischen Problems. In der ungeheuren Menge der seriösen Literatur des 18., 19. und 20. Jahrhunderts erkennt man jetzt eine unerwartete Einmütigkeit; sie offenbart sich als weitgespanntes Gewebe von Variationen eines einzigen Themas, des Konflikts zwischen der menschlichen Selbstsucht, den persönlichen Begierden, der beschränkten Vorstellungskraft und dem wachsenden Verständnis für allgemeinere Bedürfnisse und der Möglichkeit eines freieren Lebens.
Dieser Konflikt liegt beispielsweise bereits einem so frühen Werk wie Voltaires Candide zugrunde, in dem das Verlangen nach Gerechtigkeit wie auch nach Glück gegen menschliche Ungunst ankämpft und schließlich seine Zuflucht zu einem erzwungenen und nicht überzeugenden Sich-Begnügen nimmt. Candide war ein Auftakt zu einer Literatur der beschwörenden Anklagen, die bald überall Fuß faßte. Ganz besonders die Romane des 19. Jahrhunderts, abgesehen von den Werken der reinen Geschichtenerzähler, zeugen von dem beunruhigenden Wissen um die Veränderungen, die nach vermehrtem Bemühen verlangten und vom Fehlen dieses Bemühens. In tausenderlei Aspekten, bald tragisch, bald komisch, bald in merkwürdigem Aufbegehren gegen Gottes Gleichgültigkeit, schildert ein Heer von Zeitgenossen den Lebenskampf zwischen Traum und Beschränkung. Teils lacht man, teils ist man zu Tränen gerührt, teils überkommt einen Bestürzung angesichts dieser umfangreichen und fast spontan entstandenen Zeugnisse, wie der erwachende menschliche Geist bald umsichtig, bald eifrig, bald wütend und, wie es scheint, immer vergeblich versuchte, sich seiner entsetzlich schlechtsitzenden, geflickten und altmodischen Hülle anzupassen. Und stets stößt man in diesen Büchern, wenn man sich in das Problem vertieft, auf eine bestürzende Auslassung. Es bestand in der damaligen Zeit die absurde Konvention, daß ein Schriftsteller nicht an die Religion rühren durfte. Das zu tun, hätte den eifersüchtigen Zorn der zahlreichen beamteten Geistlichen erregt. Es war gestattet, Unstimmigkeiten festzustellen, aber verboten, auf eine mögliche Lösung anzuspielen. Religion war das Privileg der Kanzel ...
Nicht nur aus den Romanen war die Religion verbannt, sie wurde auch von den Zeitungen ignoriert.
Peinlich vermied man jede religiöse Anspielung in geschäftlichen Verhandlungen, sie spielte in den öffentlichen Belangen nur eine untergeordnete und entschuldigende Rolle, und das nicht aus Geringschätzung, sondern aus Scheu. Die religiösen Organisationen standen noch so hoch in der Achtung der Menschen, so hoch, daß es als unehrerbietig erschien, Religion in die Belange des Alltags hineinzuziehen. Diese seltsame Hemmung hielt auch noch zu Beginn des neuen Zeitalters an. Erst die vernünftige Einsicht eines Markus Karenin, viel eher als jeder andere zeitgenössische Einfluß, machte sie wieder für die Gestaltung des menschlichen Lebens fruchtbar. Er betrachtete die Religion ohne visionäre Entrückung und abergläubische Furcht als etwas, das der Allgemeinheit so nötig war wie Essen und Trinken, als Basis und Triebkraft für das Leben der Menschen und das Wohlergehen der Republik. Er begriff, daß sie sich bereits über Tempel, Hierarchien und Symbole, in die man sie hatte einengen wollen, hinausentwickelt hatte und daß sie bereits unerkannt und stillschweigend bei der allgemeinen Annahme des Weltstaates mitgewirkt hatte. Er verlieh ihr klaren Ausdruck und paßte ihre Texte den Erkenntnissen und Perspektiven des Neubeginns an...
Aber wenn wir zu unseren Romanen zurückkehren und nach Anzeichen für den Zeitgeist suchen, wird bei chronologischer Lektüre klar, jedenfalls soweit es bisher feststellbar ist, daß um die Wende zum 20. Jahrhundert die Schriftsteller wesentlich mehr von dem bedeutsamen Wandel ahnten als ihre Vorgänger. Diese hatten versucht, das Leben zu beschreiben, „wie es ist", die späteren zeigten es als im Wandel begriffen. Immer häufiger sind ihre Helden um Anpassung an neue Verhältnisse bemüht oder leiden unter dem Neuen. Und wenn wir in die Zeit der letzten Kriege kommen, wird diese modernere Sicht des Alltagslebens als eine Reaktion auf weltweite Wandlungen immer offenkundiger. Barnets Buch, das unseren Zwecken so gut gedient hat, zeigt deutlich das Bild einer Welt, die einem Schiffe gleicht, das in den Sturm segelt. Unsere späteren Romanschriftsteller geben uns eine reiche Auswahl von persönlichen Konflikten, in denen alte Gewohnheiten, beschränkte Einsicht, kleinliche Gemütsart und lebenslange Verbohrtheit jener großen Horizonterweiterung, die wir erfahren haben, feindlich gegenüberstehen. Sie schildern uns die Gefühle alter Menschen, die aus ihrer gewohnten Umgebung gerissen wurden und sich mit Annehmlichkeiten, die ihnen unbequem galten, und Verhältnissen, die ihnen fremd blieben, abfinden mußten. Sie berichten von dem Widerspruch zwischen dem anfänglichen Geltungsbedürfnis der jugendlichen und den noch nicht erfaßten Beschränkungen eines sich wandelnden sozialen Lebens und von der Beschränktheit des modernen Idioten von Andreas dem Popler bis Nordmark dem Kleinkindlichen. Sie schreiben, wie eifersüchtige Regungen sich stets unserer Seelen zu bemächtigen und sie zu unterjochen trachteten, über romantische Fehlschläge und tragische Fehleinschätzungen des Weltlaufs, über Unternehmungsgeist und drängende Neugier, und wie diese das allgemeine Streben unterstützten. Und alle diese Geschichten enden mit verfehltem oder erreichtem Glück, mit Katastrophe oder Rettung. Je klarer ihr Entwurf und je sorgfältiger die Ausführung, desto größer ist ihre Überzeugung von der Möglichkeit einer Rettung der Welt. Denn jeder Weg im Leben führt schließlich für jene, die ihm weit genug folgen, zur Religion...
Den Menschen früherer Zeiten wäre es seltsam erschienen, daß man sich heute frägt, ob die Welt nun christlich oder alles andere als christlich ist. Aber sicher leben wir in diesem Geist, und ebenso sicher haben wir viele der zeitgebundenen Formen hinter uns gelassen. Das Christentum war die erste Ausformung einer Weltreligion, die erste vollständige Ablehnung von Stammessystemen, von Krieg und Hader. Daß es gegenwärtig in alte Rituale verstrickt ist, kann daran nichts ändern. Der gesunde Hausverstand der Menschen hat sich durch zweitausend Jahre läuternder Erfahrung hindurchgequält, um schließlich festzustellen, wie vernünftig die vertrauten Leitsätze des christlichen Glaubens klingen. Wenn sich ein wissenschaftlicher Denker eingehender mit den moralischen Problemen des Gemeinschaftslebens befaßt, kommt er unweigerlich zu den Worten Christi, und ebenso unweigerlich kommt ein klar denkender Christ zur Idee der Weltrepublik.
Netter Text, abgesehen vom Ende.
Geht nur ein wenig am Thema vorbei.
Beim nächsten mal vielleicht besser keine ganz soooo langen Texte reinkopieren ?
Gruß
hast ja recht.
Ich bin auch dafür, wieder zum Thema Nordpolexpedition zurück zu kehren.
Mich jedenfalls würde es interessieren.
Allerdings frage ich mich, ob ich die einzige hier bin.
auch Gruss
Hallo Schalk, Willkommen im Forum,
die einzige bist Du hier nicht, aber die Diskussionen zu Expeditionen enden immer gleich: Entweder ein nahe gelegendes erreichbares Ziel oder gar nichts. Nordpol und ähnliches ist einfach zu teuer.
Ist es nicht mal längerfristig denkbar hier?
Dann hat das ganze doch den falschen Titel, oder?
Viele hier haben doch schon irgendetwas, was für eine Expedition brauchbar ist: Kletterausrüstung, Lampen, Karten, Schlafsäcke, Funkgeräte; Kompass, Sextant, Schneemobil, Schiff oder was auch immer.
Auch eine grosse Expedition beginnt doch mit dem ersten Schritt
Gruss