Ich denke, ich weiß, was du damit sagen willst. Und es ist auch vollkommen klar, dass es in erster Linie um das Opfer geht, dem geholfen werden muss.
Sicherlich kann man mit diesem Opfer reden, ihm schreiben, vllt. das Leben durch kleinere Geldspenden erleichtern etc., immer vorausgesetzt, dass so ein Handeln erwünscht ist (ich, als Opfer, für meinen Teil hätte nicht die geringste Lust mich mit wildfremden Menschen darüber auszutauschen und würde alle derartigen Versuche als unerträgliche Belästigung empfinden).
An deinem vorigen Beitrag ging mir nur etwas auf die Nerven, was so gut wie jedes Mal vorkommt und dadurch schon vollkommen ausgelutscht ist, nämlich "Denkt doch mal an das Opfer". Ja sicherlich!
Aber das kann man inzwischen genauso wenig mehr hören wie "Der Ball ist rund" und ähnlich abgedroschene Floskeln.
Es steckt einfach nichts dahinter.
Gut, dass du es jetzt ein wenig mit Inhalt gefüllt hast.
Jupp, ich gebe Dir recht! Es ist für Dich sowas wie "ausgelutscht". Du würdest nicht reden wollen. Du!
Du sprichst von Dir, ohne Opfer zu sein.
Anbei; ich finde das Du wirklich sauber argumentierst! Danke!
Nun, ich habe wirklich viele Opfer von sexuellen Gewaltverbrechen kennen gelernt. Um genauer zu reden: Menschen die als Kinder sexuell Mißbraucht wurden. Ich will mich dazu nicht weiter äussern. Ich gehe seit Jahren einen Weg über den Du nicht viel weisst.
Kannst Du nicht wissen da ich damit nicht Propaganda schieben möchte.
Eines aber sage ich Dir; die Opfer möchten reden und auch gehört werden. Und, mein guter, sie reden auch mit Menschen die sie niemals gesehen haben. Ich habe Dinge gelesen und gehört die Du mir nicht anvertrauen würdest. Ich habe sie aber von anderen Menschen gelesen und gehört. Ich habe einfach nur zugehört!
Ich rede seit Jahren mit den Menschen die Opfer des sexuellen Mißbrauchs sind. Ich rede mit all jenen obwohl ich Metzger, nicht Psychologe, bin. 😉
Informiere Dich doch mal was die Opfer wirklich denken! Möchten jene Menschen wirklich nur hören was wir am besten mit den Tätern anstellen würden?
Ich weiss, sie möchten es nicht. Unsere fiktiven Verurteilungen gehen denen am Arsch vorbei!
Geld? Nein, das möchten diese Menschen nicht. Wofür? Geld macht keine geschändete Kinderseele wieder heil! Geld bringt keinen geschändeten Menschen vom Selbstmordversuch weg.
Es sind ganz einfache Dinge mit denen wir die Opfer unterstützen können. Zuhören, einfach nur Mensch sein. Die Opfer verstehen und sie als ganz normale Menschen, die wie wir Probleme haben, sehen.
Ich habe meinen Beitrag mit Inhalt gefüllt?
Ich habe Jahre damit verbracht um zu begreifen und zu verstehen. Ich habe Jahre gebraucht um die Menschen zu begreifen die den sexuellen Mißbrauch erleben mußten. Ich habe Vertrauen aufgebaut um Dinge zu hören die mir viele schlaflose Nächte bereitet haben.
An die Opfer denken ist sowas wie "ausgelutscht"?
Grüße,
Andreas
Ok, hast Recht, ich hab keine Ahnung, wie es ist, Opfer zu sein.
Ich denke nur, dass ich so oder so handeln würde und kann auch nachvollziehen, dass viele Menschen in solch einem Fall nur zu gerne darüber reden, auch mit Fremden.
An die Opfer denken ist sowas wie "ausgelutscht"?
Nein nein, das nicht. Nur der Satz "Bitte denkt doch auch an die Opfer" PUNKT, und dann kommt nichts mehr. Aber du hast ja sehr schön beschrieben, was man tun kann, um an die Opfer zu denken und ihnen zu helfen.
Die gedankliche Täterlösung ist so einfach. Weg mit ihm, auspeitschen, aussetzen etc.
Beim Opfer ist es sehr viel komplizierter. Und "Bitte an das Opfer denken" wirkt, wenn man es so stehen lässt, ohne es mit Inhalt zu füllen (ich wiederhole nochmal: was du ja jetzt ausführlich getan hast), wie eine ausgelutschte Floskel.
Anbei; ich finde das Du wirklich sauber argumentierst! Danke!
Danke auch 😉
Moin!
Diesmal eher ein kleiner Kommentar, eher nicht, für die, die gerade hier geschrieben haben, eher für die, die still mitlesen.
So einige sollten gut über das nachdenken, was Andreas hier geschrieben hat, denn er ist in diesem Punkt einer, der etwas sehr wichtiges begriffen hat. Es dürfte ihn einige Jahre gebraucht haben und war bestimmt nicht einfach für ihn.
Man könnte in gewisser Weise den Vergleich 'vom Saulus zum Paulus' bringen und das hat nichts mit Heuchelei zu tun, es hat was damit zu tun, das zu verstehen, und dann auch umzusetzen, was richtig ist.
Denn genau das ist der Punkt. Man zeigt ihnen dadurch, daß sie Menschen sind, Menschen, die es Wert sind, daß man ihnen zuhöhrt.Es sind ganz einfache Dinge mit denen wir die Opfer unterstützen können. Zuhören, einfach nur Mensch sein. Die Opfer verstehen und sie als ganz normale Menschen, die wie wir Probleme haben, sehen.
Und nicht nur 'Opfer'.
Man holt sie damit aus der Isolation, nimmt ihnen das Stigma 'Opfer' und bringt sie zurück in die Gesellschaft.
Und was viele nicht verstehen:
Viele Gewaltopfer, egal ob Kinder oder Erwachsene, nehmen, wenn sie sich selbst überlassen werden, mindestens einen Teil der Schuld auf sich.
Sie nehmen das Tabu des 'nicht darüber sprechens' als Schuldvorwurf der Gesellschaft hin und es wird für sie zu einer Art zusätzlicher Bestrafung dafür, daß sie es zugelassen haben, Opfer zu werden.
Jedenfalls in ihren Augen.
Und wenn es heißt 'reden hilft doch nichts':
Für Jemanden, der nichts mehr hat, kann reden eine ganze Welt bedeuten.
Denn Menschen sind kommunikative Wesen, nimmt man ihnen diese Möglichkeit, nimmt man ihnen einen großen Teil ihrer Menschlichkeit.
Warum wohl gab, und gibt es immer noch, Isolationshaft?
bis denn!
dark knight13