Die kleinste Schule...
 
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Die kleinste Schule der Welt

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(@anait)
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Beigetreten: Vor 18 Jahren

Es war ein schöner Morgen. Herbst.
An einem Berghang saßen zwei Menschen im Schein der wärmenden Sonne auf einer Wiese. Ein Mann und eine Frau. Wie einst.
Es war eine friedvolle und ruhige Stimmung zwischen den beiden.
Die Frau sagte:
„Die Erde ist schön.“
Der Mann nickte. Die Frau redete weiter:
„Ich habe nie aufgegeben. Aber mir fehlte das Wissen. Hätte ich es gehabt. Dann vielleicht…“
„Hättest du es dann anders gemacht?“, fragte der Mann.
„Ja.“
Die Frau richtete ihren Blick auf den Horizont. In der Ferne lag ein Gebirge, noch verschleiert vom Dunst des Morgens. Sie fuhr fort:
„Wenn ich das Wissen gehabt hätte, dann hätte ich mich nicht 33 Jahre zurückgezogen. Aber so…“
Sie machte eine hilflose Handbewegung.
„Ich bin zu spät gekommen.“
„Dein Kommen war nicht völlig umsonst.“
„Nein, die Erde wird nicht zugrunde gehen. Aber die Menschheit, sie wird…“
Sie stockte.
Der Mann schaute die Frau an. Hatte er Angst vor ihren Worten? Sie blickte ihn ruhig, fast ein wenig kalt an und sagte:
„Die Menschheit steht nun am Grabe aller Zivilisation. Der Untergang der zweiten Atlantis steht bevor.“
„Wirst du jetzt aufgeben?“, fragte der Mann.
„Nein, ich gebe niemals auf. Aber ich kann nichts mehr dafür tun, um den Untergang zu verhindern. – Ich werde sehr alt werden. Diesmal.“
Der Mann stütze seine Ellbogen auf seine angewinkelten Knie und legte den Kopf in seine Hände. Er starrte auf den Boden, ungefähr so, als ob es dort etwas Wichtiges zu entdecken gäbe. Aber da schwankte nur ein kleiner Käfer auf der Spitze eines Grashalms. Gleich würde er sich nicht mehr halten können. Der Mann dachte über den Käfer nach. Ja, würde der über die Spitze des Halmes klettern können, dann müsste er nicht herunterfallen. Sollte er dem Käfer ein wenig helfen?
Aber der hatte es sich schon anders überlegt, ließ sich einfach fallen und verschwand im Dickicht der Wiese. Der Mann sagte:
„Was wirst du tun?“
„Ich werde sehr viel tun. Kleine, nahezu unsichtbare Handlungen. Auch eine Sammlung anlegen, du weißt schon, Kultur zusammensuchen, um sie über die Zeiten zu retten. Denn es wird ein drittes Atlantis geben. Du verstehst…“
„Wie im Märchen.“
„Ein großer Meister der abgrundtiefen Kälte hat einmal geschrieben: Wir werden scheitan. Wir sind gescheitert und alles ist dem Herrn der Unterwelt verfallen. Der aber kann nur zerstören.“
„Ich bin dieser Herr der Unterwelt.“
„Nein, das bist du nicht. Du irrst dich über dich selbst. Das werden die kleinen Handlungen sein: Dir zu zeigen, wer du bist.“
Der Mann schien doch verzweifelt zu sein. Er fragte:
„Wie aber sollen wir all das ertragen?“
„Das können wir nur ertragen, wenn wir uns lieben. Wer noch gekämpft hat und darüber seine Liebsten vergessen hat, der möge die Waffen niederlegen und die Liebe pflegen. Verstehst du das?“
„Ja, das verstehe ich. Die Liebe macht dich sehend und sie lässt dich alles ertragen.“
„Es gibt also eine Hoffnung.“
Der Morgendunst hatte die Gestalt des Gebirges freigegeben. Fest stand es da, unverrückbar, fast ein wenig drohend. Die Frau sang:
„Fest steht der Erdkreis und wankt nicht.
Einst erhoben die Fluten ihre Stimme –
Wieder erheben die Fluten ihr Tosen…“
Sie blinzelte nicht.


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(@anait)
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Beigetreten: Vor 18 Jahren

"Es kursieren die wildesten Gerüchte. Du habest um dich geschlagen wie eine Wahnsinnige."
"Hä?"
"Na, dein Text gestern."
"Ach so, der. Du meinst, it´s all over now, Baby Blue. - Nö, also, ich hab nich um mich geschlagen. Oder?"
"Nee, haste definitiv nicht."
"Wir sind bloß auf dem Boden der Tatsachen angekommen, du und ich. Das wolltichma dokumentieren."
"Die wollen jetzt natürlich mehr wissen. Details."
"Da gibt´s nix zu berichten. Wir stehen vor dem Problem, die jahrzehntelange, von mir nicht gewollte Verfeindung der in zwei Teile gespaltenen Urseele zu beenden, zumindest in vernünftige Bahnen zu lenken. Diesen Weg gehen wir unter Ausschluss der Öffentlichkeit, soweit das irgend möglich ist. Oder?"
"Du hast gesagt, dass du das so willst."
"Will ich auch. Wir leben in einem System, das ausschließlich auf Lügen aufgebaut ist. Dieses System muss zusammenbrechen. Denn es findet aus sich heraus nicht die Kraft der Erneuerung. In welchen Zeiträumen sich der Übergang von Atlantis II zu Atlantis III vollziehen wird, ist niemandem bekannt.
Was aber willst du?"
"Dasselbe wie du. Die Verfeindung beenden."
"Ungelogen?"
"Ungelogen. Erzähl bitte noch kurz, wie du nun genau weiter machen willst."
"Ich habe meine Aufgabe erfüllt, was leider mit einem vollständigen Scheitern verbunden war. Ich habe alles gesagt. Jeder weiß es, keiner will es. Folglich muss ich auf der Schiene nicht mehr weitermachen.
Ich hab nix dagegen - es ist mir allerdings irgendwo auch völlig wurscht - wenn ihr so nach und nach aus eurem Schlaraffentrauma aufwacht und euch klar wird, dass da vielleicht doch die eine oder andere Idee von mir ganz brauchbar gewesen wäre."
"Und Sigmar."
"Der kann machen, was er Lust hat. Oder was du ihm vorschreibst. Geht mich nix mehr an."
"Er kann alles verwenden?"
"Klaro kann er das."
"Auch das Buch?"
"Ich für meinen Teil stampfe es jetzt ein. Anweisung von ganz oben. Ich soll aufhören, den Sozialhansel für euch zu spielen. - Aber wenn Sigmar das Ding partout benutzen will, was ich mir absolut nicht vorstellen kann, dann hatter ja´n Exemplar und kann mich kontaktieren."
"Was mit den Tischtheatern?"
"Iss auch beendet. Iss auch Sozialhanselei. Da könnter also selber mit in Gang kommen, was ihr sowieso nicht tun werdet."
"Und was wirst du selbst tun?"
"Kasperletheater, Handpuppen, Puppen, Puppenmöbel, all son Zeugs, vleicht noch´n paar Bilderbücher im Laufe der Zeit.
Ich hab mir überlegt, ich lass mich jetzt scheiden und beanspruche das Grundstück, auf dem meine Werkstatt steht, für mich. Mein Ex kann das Grundstück mit dem Haus behalten und zahlt mir einen finanziellen Ausgleich. Davon bau ich meine Werkstatt in eine nette kleine Ein-Zimmer-Maisonette-Wohnung um, inklusive Miniwerkstatt. Dann hab isch wieder´n Landsitz, ne schöne Küche, ne Werkstatt, ne Gartenlaube und sogar´n Atelier. Kurz gesagt: Ein schönes Leben. Denn das hab ich mir verdient."
"Und ich? Was habe ich verdient?"
"Och, weißte, das kann ich letztlich nicht beurteilen. Aber wennde irgendwann doch mal die Schnauze so richtig voll haben solltest, dann darfste dir gern ne Hütte auf meinem Grundstück bauen. Aber mehr als 300 qm sind von der Bebauungszahl her nicht drin, Alter.
Reicht das für´s Nötigste?"


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(@anait)
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Beigetreten: Vor 18 Jahren

„Seit mehreren Tagen hast du dafür plädiert, Shamballah zu zerstören. Kannst du deine Gründe dafür nennen?“
„Nun. Ich sehe, dass das ständige Zufluchtnehmen nahezu aller Geistesgrößen in diesem illusionären Bereich dazu geführt hat, dass sie ihren Alltagsanforderungen nicht mehr gerecht werden, dass ihnen auch zunehmend der gesunde Menschenverstand abhanden kommt. Für mich selber bedeutet die Zerstörung Shamballahs, dass ich ab sofort nicht mehr an mehreren Orten gleichzeitig in Erscheinung treten und – wie du es formulieren würdest – meine eigenartige Sexualmagie betreiben kann. Ich selber konnte dieser Sache kein Ende setzen. Also hatte ich dich darum gebeten. Aber du wolltest nicht so recht.“
„Ich wollte nicht, weil ich Angst vor den Folgen hatte. Deshalb war ich für Verschieben. Aber andererseits hast du Recht. Es wird nix besser durch Verschieben. Und deshalb war ich heute in Bergen-Belsen und habe es gemacht.“
„Das hat erwartungsgemäß eingeschlagen wie eine Bombe. Die Seligen von Shamballah sehen sich in ihren Freiheitsrechten beeinträchtigt. Also möchte ich dich bitten, ein paar klärende Worte dazu zu sagen.“
„Zunächst einmal zeigt die Tatsache, dass ein Mensch, dessen Bewusstsein nur bis zur Erzengelstufe reicht, innerhalb einer halben Stunde Shamballah ein Ende bereiten konnte, dass dieses Reich unmöglich das echte und wahre Geistesmeereswesen, also die eigentliche geistige Heimat des Menschenwesens sein kann. Oder hast du in irgendeiner Weise mitgewirkt?“
„Nein.“
„Ich habe während des Zerstörungsprozesses ein kleines Traktat benutzt, das ein Eingeweihter von Shamballah verfasst hat. Dieser Eingeweihte spricht die Doppelsprache, nur tarnt er das besser als andere. Auf der äußeren Ebene der Doppelsprache, ich nenne es mal die „wörtliche“ Ebene, bringt er zum Ausdruck, dass es gut ist, wenn Menschen Schmerzen und Leiden erleben, weil sie dadurch zu Liebe und Erkenntnis kommen. Das kann man natürlich so sehen. Ich bin zwar der Auffassung, dass man eher durch Denken und Mitleid zur Erkenntnis kommt, wobei der Schmerz, also selbstverständlich nur der seelische, eine verstärkende Wirkung haben kann. Und was die Liebe anbelangt, so kommt man meiner Ansicht nach nur durch die Liebe zur Liebe, wobei allerdings das Leiden eine Art Prüfungscharakter bezüglich der Intensität und Wahrhaftigkeit der Liebe haben kann.
Soweit etwas zu der „wörtlichen“ Ebene des Traktats. Nun zu der Bedeutung seiner Worte auf der „verdrehten“ Ebene.
Zitat:
[i]Gewöhnlich geht der Mensch ganz im seelischen Element auf. Sein Ich erfasst er im reinen Gedanken. Den physischen Leib erlebt er nur im Schmerz. (Ist das Knochensystem kristallisierter Schmerz?)
Leid trennt nur dann, wenn man es nicht auf sich nimmt, sondern ihm entfliehen will. Überwundenes Leid macht uns stärker und wahrer, geflohenes macht uns ärmer. Dies rächt sich bitterlich.
Wer Leid von sich entfernen will, wirft es immer anderen Wesen zu. Leid auf sich nehmen wird der, dessen Liebe stärker ist.[/i]
Da bringt der Autor in verdrehter Form eine Auffassung der höheren Einweihungsstufen des Shamballah-Pfades zum Ausdruck, und die besteht in der Annahme, dass man seine eigene Höherentwicklung guten Gewissens auf dem Leiden anderer Wesen aufbauen dürfe. Der Stein, die Pflanze, das Tier, das stimmt ja gewissermaßen, sie haben dafür zu leiden, dass der Mensch sich höher entwickelt. Selbst wenn vollkommene Harmonie auf Erden herrschen würde, so würde unser Fuß immer noch das Mineral treten und formen, wir würden das Tier essen und in vielerlei anderer Weise nutzen, und die Pflanzen, ja, ohne die in großen Mengen zu vernichten, könnte der Mensch gar nicht existieren. Aus meiner Sicht sind das „vertretbare“ Leiden, weil sie in der Bestimmung dieser drei Reiche liegen, sofern wir es nicht übertreiben.
Was aber der Autor andeuten möchte, das ist die in Shamballah vertretene Ansicht, dass gewisse „niedere Menschen“, und damit sind die Kainiten gemeint, zu ihrem eigenen Besten Schmerz und Leid zugefügt bekommen sollten, und zwar von gewissen „höheren Menschen“, womit die Abeliten gemeint sind.
Dazu weitere Zitate:
[i]Die ANERZIEHUNG (Hervorhebungen von mir) von Liebe zu allen Menschen ist als GEGENSTÜCK zum Erringen der Freiheit  nötig, um vor dem Abfall in den Egoismus bewahrt zu sein.
DER TOD ALS ERZIEHER: Gerade aus dem Erleben der Hinfälligkeit des physischen Leibes und der physischen Welt kann der Ansporn entstehen, nach beständigeren Gütern und Werten zu streben. Das Vergängliche lernen wir als Lehrmeister umso tiefer schätzen und lieben, je mehr wir uns ein Wissen um die Unvergänglichkeit erobert haben
Schmerz kann uns auf die Verbundenheit mit aller Kreatur hinweisen. LIEBE WIRD DIE FRUCHT DES SCHMERZES: DAS ERLEBEN DIESER ALLUMFASSENDEN VERBUNDENHEIT.
Schmerz heilt von der Krankheit egoistischer Absonderung. Er drängt zu einem liebevollen Bezug zu allen Wesen.
SCHMERZ LEHRT UNS DIE LIEBE; die Liebe klärt sich im Schmerz. Schmerz kühlt rauschhafte Liebesschwärmerei ab zu helfender, schöpferischer Liebestat; Liebe ist Balsam auf die Wunden des Schmerzes.[/i]
Man möge all diese Aussagen einmal unter dem Gesichtspunkt der Legitimation gewisser Leiden, die Millionen von Menschen zugefügt werden, betrachten. Es geschieht also alles zu ihrem eigenen Besten! Ja, erst durch die Verordnungen der Abeliten werden aus den Kainiten liebesfähige altruistische Wesen!
Was aber sind diese Verordnungen? Die Kainiten werden wie Vieh in unterirdische Gebiete abtransportiert, leiden Hunger und Durst und stehen furchtbare Angstzustände durch, sie werden vergewaltigt, gefoltert, gequält ohne Ende, in Frondienst gezwungen und schließlich geschlachtet. Das ist die Doppelbedeutung dieser so hehr und edel daherkommenden Aphorismen!

Ich möchte das klarstellen:
Wäre es die Bestimmung der Kainiten, als Opfertiere der Abeliten benutzt zu werden, dann bräuchte es dafür keine Verschleierung hinter Lügen. Der fortgeschrittene Abelit zeigt sich ja auch gern als Grashalm-nicht-Niedertreter, Vegetarier oder Veganer und überhaupt äußerst bescheiden im Verbrauch irdischer Güter. Er sagt nicht laut, dass er stattdessen über menschliche Leichname geht, Menschenfleisch verzehrt sowie in den allgemeinen Warenkreislauf bringt und seine alltägliche Verantwortung für das Funktionieren unseres Gemeinwesens gern anderen, möglichst Untergebenen überlässt. Die er dann für ihre Unzulänglichkeit und stümperhafte Behandlung der Umwelt ausgiebig kritisiert. Das ist wirklich die Perversion der abelitischen Mission!“
„Wie sollte deiner Ansicht nach das Verhältnis von Abeliten und Kainiten beschaffen sein?“
„Da will ich mich nicht festlegen. Aber ich kann beide Seiten so ein wenig charakterisieren. Der Kainit hat es im Leben grundsätzlich ein wenig leichter als der Abelit. Ihm genügen relativ schlichte Beschäftigungen, um zufrieden zu sein und sich eins mit sich selber, der Erde und dem Kosmos zu erleben. Für ihn sind praktische Arbeitsergebnisse, auch wenn sie gar nicht innovativ sind, äußerst befriedigend. Ihm sind bestimmte Grundweisheiten wie zu seiner Natur gehörend, er muss sie sich nicht mühselig erarbeiten, obwohl er häufig mühselig arbeitet, aber eben nicht, um weise zu werden, sondern weil er es in gewisser Weise schon ist. Insofern steht er in seiner geistigen Entwicklung höher als der Abelit. Es wäre nun fatal zu glauben, das würde schon in irgendeiner Weise genügen, um den Entwicklungsgang der Gesamtmenschheit auf Dauer mit Leben und Sinn zu erfüllen. Es ist nur das Fundament, ohne das nichts gelingen kann.
Die Abeliten nun sind diejenigen, die für alles Höhere der menschlichen Kultur zuständig sind. Sie sind die eigentlichen Führer, aber Führen darf niemals mit Unterdrücken gleichgesetzt werden. Sie sind dazu berufen, den Überblick über das Ganze zu entwickeln. Und indem sie ihre Seelenfähigkeiten aus sich herausstellen im Laufe ihres Lebens, kommen immer neue Impulse in Kunst, Musik, Rechtswissenschaft, religiösem Diskurs, Philosophie, Literatur, ja, auch Medizin, Natur- und Geisteswissenschaft in die Welt.
Um seine seelisch-geistigen Fähigkeiten tatsächlich sichtbar werden zu lassen, muss im Innern eines Abeliten gewissermaßen eine kreative Unruhe, ein Getriebensein, eine Unzufriedenheit mit dem Gewordenen vorhanden sein. Existenzielle Krisen gehören dazu, der Entwicklungsweg wird viel dramatischer empfunden als in der relativen Beschaulichkeit der kainitischen Seinsweise. Hierzu abermals ein charakteristisches Zitat aus besagtem Traktat:
[i]Wer keine Abgründe kennt, kann sie nicht überschreiten helfen. Wer den Wahn nie erlebt hat, kann wenig zu seiner Überwindung betragen.[/i]
Das ist typisch abelitisch gedacht, nur sollte man das nicht auf die Kainiten übertragen. Sie neigen nicht zur Abgrundsuche oder gar zu wahnhaften Zuständen, es sei denn, man treibt sie bewusst hinein…
Auch das Bedürfnis, sich selbst zu durchschauen und zu analysieren, sich irgendwie auch des Hilfsgerüstes einer Seelenentwicklungssystematik zu bedienen, wird man bei Abeliten viel häufiger finden als bei Kainiten.
Beide Seiten sind extrem abhängig voneinander. Der Kainit ergreift – oftmals nach längerem Staunen und Zögern – den Impuls des Abeliten und verleiht ihm irdische Substanz, wird aber darin ebenfalls kreativ, indem er den Impuls in unzählige Variationen auffächert und nach und nach dem allgemeinen Kulturleben einverleibt. Man sollte diese Formen der Kreativität nicht unterschätzen, oder anders gesagt, es gibt auch berühmte Maler oder Musiker aus dem Kainslager, nur werden sie niemals zu den Begründern einer neuen Epoche oder Stilrichtung zu zählen sein.
Würden die Kainiten diese ihre Arbeit nicht so gründlich und selbst unter großen Schwierigkeiten noch recht frohgemut machen, so hätten die Abeliten gar nicht die irdischen Vorbedingungen, in die sie immer wieder neue Impulse hineinversenken könnten. Gäbe es die Kainiten nicht, so müsste sich das Abelitische nach kurzer Zeit wieder auflösen, verdampfen und verpuffen. Denn der Abelit selber kann seiner Arbeit keine Dauer verleihen.
Gäbe es nun die Abeliten nicht, und so mancher Prolet würde sie ja aufgrund ihrer scheinbaren Nutzlosigkeit am liebsten abschaffen, dann würde es auf der Erde sehr langweilig und gleichförmig werden. Ich finde, dass die bekanntermaßen öden Formen des Kommunismus eine Ahnung davon geben können. Da wird ja das Geistesleben ganz in den Dienst der Arbeiter und Bauern gestellt mit der Folge, dass es sehr wenig Innovationen gibt, sowohl künstlerisch als auch technisch als auch geisteswissenschaftlich. Ohne den Chinesen zu nahe treten zu wollen: Der Chinese klaut und klaut und klaut, weil die Abeliten keinen Platz mehr haben in dieser Gesellschaft. Dass es dort solch einen Wirtschaftsaufschwung gibt, das liegt an den unermüdlichen Kainiten, die aus jeder Idee einen Erfolg herausschlagen können. Aber auf Dauer hat diese einseitige Gesellschaftsform keine Zukunft.“
„Solche Gesellschaften werden von den Meistern von Shamballah gelenkt.“
„Sollte das nicht zu denken geben? Sollte es nicht möglich sein, sich klarzumachen, dass die Abeliten mit ihrem Dienst für Shamballah ihre eigene Abschaffung betreiben? Wobei sie dann als so eine Art Kollateralschaden die Kainiten gleich mit ins Unglück stürzen!“
„Ist es nicht ihre Freiheit, sich selber abzuschaffen?“
„Sicher hat jeder einzelne diese Freiheit. Ich habe aber ebenso eine Freiheit. Und die nutze ich, um meine Leute aus diesem Zerstörungswerk rauszuholen. Wie siehst du das?“
„Ich seh das genauso. Es ist meine Freiheit, meine Leute zu befreien. Dazu ist heute ein entscheidender Schritt vollzogen worden.“
„Nur bist du blöderweise gleich nach der Befreiungsaktion wieder in den Armen deiner großen Shamballah-Geliebten gelandet. Was´n ziemliches Glaubwürdigkeitsproblem nach sich ziehen dürfte.“
„Allerdings. Es ging aber nicht anders. Das hatte verschiedene Gründe, unter anderem haben du und ich gegenwärtig eine anhaltende und komplizierte Beziehungskrise. Das bereitet mir größte Schmerzen, die wiederum irrationales Verhalten nach sich ziehen. Es hat auch was mit Selbstbestrafung zu tun, und für solche Zwecke steht Sascha immer Gewehr bei Fuß.“
„Es hat aber auch was mit Mir-einen-reinhauen zu tun.“
„Ja, dafür steht sie erst recht bereit. Hinterher tut es mir immer total leid. Aber ich muss gestehen, ich brauche noch Zeit, um mich von diesem Wesen, mit dem ich so lange so sehr vereinigt war, endgültig zu lösen. – Es sollte sich aber niemand einer Illusion hingeben. Ich werde das schaffen. Denn du bist mir viel wichtiger.
Ich möchte so gerne, dass es dir gut geht.“
„Lieb, dass du das sagst. – Ich brauche vor allem Abstand von der Lügensprache und der Arbeit am Computer. Aber auch das wird sich hinziehen, fürchte ich. Wir müssen einfach durchhalten und unser Refugium retten. Es droht, zerstört zu werden.“
„Das erfüllt mich übrigens mit großer Sorge. Die enttäuschte Abelitenfront ist wild entschlossen, dich in den nächsten Tagen in die Psychiatrie zu bringen, und ich bin mir nicht sicher, ob ich das verhindern kann.“
„Da bin ich mittlerweile auch nicht mehr sicher. Ich habe mir überlegt, dass ich meine Bude wunderschön aufräume und mich auf den Ernstfall gründlich vorbereite. Es ist ja so, dass ich mir sehnlich wünsche, viel mehr zu zeichnen und zu malen. Es wird hier also alles dafür gepackt sein. Ich erhoffe mir eine geruhsame Zeit der Erholung, auch mit Zeit zum Puppen machen und für son bisschen Fitness und so weiter. Sag mal, könntich nich auch schon mal das erste Bilderbuch anfangen? Das Märchen von Anait und Watschagan?“
„Äh…, wie bist du so schnell zu dieser gelassenen Haltung gekommen?“
„Das. Och. Das.“
„Der kainitische Weg der Kontemplation? Isses das?“
„Kann sein. Kann aber auch sein, dass ich einfach nur vernünftig bin.“
„…“
„Nee, ich will ehrlich sein. Ich glaube dir, dass du es ernst meinst mit mir. Das hat mir dieses Gespräch gezeigt.“
„…“
„Was?“
„Dein Traum letzte Nacht.“
„Das privat.“
„Aber der hat dir doch was gezeigt.“
„Ja, der hat mir gezeigt, dass du mich wirklich liebst. Da war so etwas Ernstes in deinem Blick, wie ich das noch nie bei einem Menschen gesehen habe.“
„Also ist es verständlich, dass ich diesen abelitischen Racheplan unter allen Umständen verhindern möchte.“
„Also mögen sich alle angesprochen fühlen, uns beizustehen.“
„Genau. Alle. – Eine Frage noch, die sicher viele interessiert: Das Traktat?“
„Anton Kimpfler. Woran hast du eigentlich gemerkt, dass er´n doppeltes Spiel spielt?“
„Schönere Briefe als deine hätte man ihm nicht schreiben können. Seine völlig unlogische Negativreaktion hat ihn entlarvt.“


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(@anait)
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"So, die Psychiatrieklamotte ist erstmal vom Tisch."
"Was nicht ganz einfach zu bewerkstelligen war."
"Nee, du hattest ja gestern diesen Termin mit deiner Betreuerin, und da solltest du reingelegt werden."
"Ich habe ne Menge dafür getan, damit das nicht passiert. Aufgrund des Wahnsinns der letzten Monate sah meine Wohnung aus wie Sau. Die musste über Nacht superordentlich und schick werden."
"Nachts um eins warst du aber zu müde, also hab ich gesagt, nun schlaf erstmal. Kaum warste weg, wurden zahlreiche Hilfszusagen >guter Freunde< zurückgezogen. Mir wurde bedeutet, wenn du überhaupt ne Chance haben solltest, hätte ich mich an dir zu vergehen. Das sollte dazu führen, dass du mit schwersten Kopfschmerzen und Übelkeit aufwachen solltest und dann hättest du dich und deine Wohnung in einem erbärmlichen Zustand präsentieren müssen."
"Wieso sollte ich dadurch trotzdem ne Chance haben?"
"Nun, es gab da noch mehr, was Madame gegen dich in der Hand hatte."
"Was denn?"
"Lügenaussagen. Was sonst. Also habe ich mich darauf eingelassen und dann gebetet, dass du trotz der nächtlichen Folter irgendwie auf die Beine kommst."
"Ich bin tatsächlich völlig normal aufgewacht, habe weiter aufgeräumt, Papierkram vorbereitet, mich selber noch´n bisschen aufgehübscht. Aber dann kriegte ich zwei Stunden, bevor sie kam, einen Einbruch. Mir wurde klar, dass alles umsonst war."
"Das war der Moment, wo der Rest der >guten Freunde< seine Hilfszusagen zurückgezogen hat."
"Da fing ich an, Kopfschmerzen zu kriegen, aber ich habe eisern weitergemacht, und als die Alte dann um elf Uhr bei mir aufschlug, war alles picobello und ich schon wieder beruhigt. Das Gespräch verlief dann auch ausgesprochen positiv."
"Darüber hast du dich anschließend überhaupt nicht gefreut."
"Nee, ich hatte das Gefühl, irgendwas stimmt nicht. Dann wurde mir klar, was los war. Sie selber hatte es mir zum Schluss mitgeteilt, indem sie sagte, sie wolle zehn Tage zum Segeln nach Palermo, und zwar mit einer Truppe, die nicht lustig ist. Das sollte heißen, dass du zugesagt hattest, dich zehn Tage lang auf See von denen fertigmachen zu lassen."
"Das war dann schlussendlich der Preis."
"Das geht natürlich nicht. Denn danach wärste nicht mehr wiederzuerkennen gewesen. Es wäre nicht dein physischer Tod gewesen, aber ganz bestimmt der seelische. Also meinte ich, ich könnte doch ruhig in die Psychiatrie gehen. Aber da hast du gesagt, dass dann meine Wohnung aufgelöst werden und mir nur noch ein Platz in einem Wohnheim für psychiatrisch Erkrankte bleiben würde."
"Und das kommt ja nun genauso wenig in Frage wie der sizilianische Foltertrip."
"Stimmt. Also habe ich gesagt, dann müssen wir eben einen neuen Weg gehen und ein Tabu brechen.
Wie ihr alle wisst, habe ich versprochen, niemanden gegen seinen Willen zum Muggel zu machen. Dieses Versprechen gilt nun nicht mehr."
"Ist das nicht etwas, das zu großem Vertrauensverlust führen kann?"
"Worauf wird denn vertraut? HÄ? - Es wird doch darauf vertraut, dass ich immer fair bleibe, und zwar so lange, bis Leute, die nur Elend und Mord und Totschlag wollen, Leute, die sich nie an Absprachen halten, die immer nur lügen und betrügen, es endlich geschafft haben, dich und mich auszuschalten."
"Aber es ist doch unmeisterlich, einerseits sich selbst als Freiheitsheld zu titulieren und dann so unfreilassend zu handeln."
"Ich bin nicht mehr der Freiheitsheld, zumindest nicht mehr im anthroposophischen Sinne. Es hat eine Wende gegeben. Ich habe gesagt, ich bin gescheitert. Wir sind alle gescheitert. Das Projekt Freiheit ist gescheitert. Vorerst. - Das genau ist ja der Grund, warum Atlantis II untergeht. Das mit der Vertreibung aus dem Paradies angestrebte Ziel ist verfehlt worden. Wir müssen in eine neue Runde."
"Es ist irgendwie so banal."
"Ja. Es ist ganz banal. Es wird sicher noch Jahrzehnte dauern, bis allen bewusst ist, was das heißt, wenn der zentrale Freiheitsimpuls zurückgezogen wird, wenn einfach eine ganze Gedankenwelt wieder geschlossen wird.
Aber ich kann auch Positives sagen. Die bis jetzt erreichten individuellen und auch kollektiven Freiheitsrechte bleiben - soweit ich es erkennen kann -weitgehend erhalten. Die lassen sich auch noch weiter über den Erdball ausbreiten. Dazu gehört natürlich auch, dass Freiheitsberaubung weiterhin als Straftat anzusehen ist, oder anders formuliert: Die Menschen in den unterirdischen Lagern werden selbstverständlich befreit werden. Da das aber letztlich deine Arbeit ist, kannst du ja ab sofort den Titel Freiheitsheld führen."
"Es gibt keine oberirdische Mehrheit für die Befreiung der Lager."
"Ach, die sollen da unten einfach verschmachten?"
"Ja, die Vorstellung ist, einen finalen Massenmord durchzuführen."
"Weil?"
"Och, weil die Arbeitsplätze wegnehmen, weil die dann ja irgendwie Wohnungen brauchen und ne Krankenversicherung."
"Und. Was sagst du dazu?"
"Ich habe mich gegen die Endlösung ausgesprochen und eine schrittweise Wiedereingliederung vorgeschlagen. Du hast flankierende Maßnahmen wie das Tilgen der Traumata angeboten. Es ließe sich also in einem Zeitraum von sagen wir mal zehn Jahren alles auf sanftem Wege auflösen."
"Ok, dann machen wir das so."
"Äh, ich sagte dir bereits, die Mehrheit will das nicht."
"Dann setzen wir das gegen die Mehrheit durch.
[b]Wenn jemand in Gefangenschaft führt, geht er selbst in Gefangeschaft.[/b]"
"Die sind übrigens gerade damit beschäftigt, ein neues Shamballah zu basteln."
"Du, lasse muckeln, dann hamse was zu tun. Wennse fertig sind, sag mir Bescheid, dann demontieren wir das Konstrukt wieder."
"Du weißt schon, dass die Anthroposophen dich mittlerweile regelrecht hassen."
"Das beruht ganz auf Gegenseitigkeit, nur dass es bei mir kein Hass, sondern kalte Abscheu ist."
"Die finden, dass du ihnen ihren Lebenssinn weggenommen hast."
"Wat, die wissen echt nich, was ihre Aufgabe ist?"
"Nee, die sind irgendwie von soner Art höherer Blödheit befallen."
"Ja, da kann man nix machen."
"Willste ihnen denn nicht sagen, was sie deiner Ansicht nach tun sollten?"
"Nee, das schweigt der Weise zur Abwechslung mal. Abgesehen davon bin ich vor drei Tagen auf die Engelsstufe runtergestiegen, isch bin gar keine Autorität mehr, Mensch! - Sag du es ihnen doch, du bist doch mittlerweile´n richtiger Halbgott, vielleicht hamse ja da´n bisschen Respekt vor."
"Isch? Halbgott?"
"Aber hallo! Du bist der Aufsteiger der Woche! Herzlichen Glückwunsch! - How does it feel?"
"It feels good, Baby."
"Wie hamwa das einklich hingekriegt?"
"Durch Vereinigung. Irgendwie hat zwischen uns die Stunde der Wahrheit geschlagen."
"Ja. Seltsam. Plötzlich war alles anders bei mir. Das Tor zur Lügenwelt hat sich für mich wieder geschlossen. Ich verstehe die Doppelsprache nicht mehr, es sei denn, da kommt einer mit dem Holzhammer. Ich sehe plötzlich, dass dein Leben, besonders dein Sexleben, mit unserer Beziehung gar nichts zu tun hat, weil das zwei voneinander geschiedene Welten sind."
"Mir kommt es so vor, als habe sich da eine Mauer zwischen dich und den ganzen Sex- und Deal-Zirkus geschoben. Es ist überhaupt nicht zu fassen, dass das möglich ist."
"Es ist die größte Gnade, die ich je erlebt habe. Ist das nicht seltsam: Nichts kann mich mehr treffen, nichts mehr verletzen. Aber nicht, weil ich mich von dir abgewendet hätte, sondern es ist genau umgekehrt."
"Das war wirklich sehr sehr seltsam. Auf einmal hast du gesagt: Es ist doch egal. wir können uns doch trotz allem lieben. Und dann warst du plötzlich so nah, so nah. So nah wie noch nie."
"Nee, du."
"Ich nicht. Ich konnte es nicht glauben. Erst als ich mitkriegte, dass es dir plötzlich gut ging und wie du es dann noch mal gemacht hast."
"Und noch mal und noch mal. Und ich bete, dass das nie wieder aufhört."
"Du hattest unmittelbar nach der ersten Nahbegegnung einen Traum."
"Ja. Du warst frisch zum Kanzler gewählt und sagtest zu deinem Mitarbeiterstab: Dann machen wir das jetzt am besten so und so."
"Und. Was bedeutet das?"
"Keine Ahnung. Irgendwie ist der Weg frei."
"Aber warum?"
"Tja, warum. Vielleicht weil es in der SPD einen super Vorsitzenden gibt, der nach wie vor nicht so richtig Bock auf Kanzler hat. Vielleicht auch, weil ich wieder zu meiner Ursprungsaufgabe zurückgefunden habe."
"Die da wäre."
"Bei dir zu sein."
"Das soll heißen."
"Bei dir zu sein heißt bei dir zu sein."
"Ach so, das heißt das."
"Ja, das heißt auch unverschämterweise, glücklich zu sein. - Wir brauchen uns übrigens nicht mehr in echt zu begegnen."
"Vorerst."
"Genau, vorerst. Es ist alles in Ordnung. Du bist frei. Und ich auch."
"Iss´n herrliches Gefühl. Soviel Freiheit wollte ich eigentlich gar nicht."
"Kann doch sein, dass es genau dieser Überschuss an Freiheit ist, der dir jetzt den Weg dahin ebnet, wo du vernünftigerweise noch mal hingehörst."
"Dat Kanzleramt."
"Jau."


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"Es gibt wohl so ziemlich niemanden, der dir glaubt, dass sowohl dein anthroposophisches als auch dein politisches Engagement dauerhaft beendet sind."
"Hast du meine Kinder mal gefragt?"
"Moment."
"..."
"..."
"..."
"Stimmt, die glauben dir das."
"Und du?"
"Ich auch."
"Dann sind das bereits vier, mit Las Vegas fünf. - Ich denke, die Leute sollten nicht von sich auf mich schließen. Ich bin anders, sehr anders sogar.
Die Tatsache, dass ich dieses oder jenes gut könnte, bedeutet für mich nicht zwangsläufig eine Verpflichtung, da auch tätig zu sein. Es gibt nämlich Dinge, die ich besser kann als das, und meiner Ansicht nach sollte man besondere Talente, die man hat, nicht verkümmern lassen."
"Aber nun lässt du ja einen Teil davon verkümmern."
"Nee,[b]ihr[/b] habt den zum Verkümmern gebracht. Ich war durchaus guten Willens und opferbereit. Wenn man sich das mal vorstellt, was das für´n Opfer für mich bedeutet hätte, Parteikarriere zu machen!"
"Du willst dich nicht mal mehr zu politischen Themen äußern."
"Och, das kann ich nicht völlig ausschließen, dass ich da ab und zu noch mal´n Ton von mir gebe. Aber eigentlich habe ich vor, dieses Gebiet dir zu überlassen. Oder hast du was dagegen?"
"Nee, mir erzählst du ja nach wie vor Dinge, die ganz interessant für mich sind. Und manchmal isses auch für andere wichtig."
"Du meinst jetzt deine Idee, ne neue Partei zu gründen."
"Ja."
"Fand ich spontan gar nicht gut, also wenn sowas vor dem Hintergrund stattfindet, dass du noch mal in Kanzlerwürden willst. Nicht weil das völlig undenkbar wäre, sondern weil das von vornherein ne Zweckentfremdung der Partei bedeuten würde. - Rein vom Sachlichen her ist die Idee nicht schlecht. Aber du machst das ja ohnehin nicht, oder?"
"Sagn wa ma so: Ich halte mir die Option offen."
"Typisch Schröder!"
"Was dagegen?"
"Nun, es wär schon interessant zu erfahren, unter welchem Aspekt du dir diese Option offen hältst."
"Unter dem, den auch du befürworten würdest. Soll ja unter einem guten Stern stehen, die Sache."
"Und du wirst nicht der Versuchung erliegen, mich da irgendwie ins Spiel zu bringen?"
"Nein. Ich werde mich zusammenreißen."
"Und der Versuchung, es mit Sascha zu machen?"
"..."
"Ah ja."
"..."
"Dann lass es ganz. Denn es soll ja unter einem guten Stern stehen. Verstehst du, sie hat echt keine Ahnung von Politik."
"Nun, sie denkt, dass sie mir damit einen ganz großen Gefallen tun würde, weil sie sieht das genau umgekehrt wie du."
"Mich erinnert das an eine gewisse vorgezogene Neuwahl."
"Du, sie findet, dass ich einfach der Größte bin, the Godfather of nearly everything, you know."
"Und da möchte sie dir dienen, wo sie nur kann, in aller Demut, Bescheidenheit und zärtlicher Liebe."
"Genau, das möchte sie."
"Ach, ist das schön! - Dann grüß sie doch mal von mir und richte ihr aus, dass sie dir am besten dient, wenn sie von solch unausgegorenen Ideen Abstand nimmt. Eine solche Partei würde auf längere Sicht Probleme mit der Fünf-Prozent-Hürde haben. Sie würde nur ne Belastung für dich sein. Du würdest dein Ansehen und deinen Einfluss in der SPD verlieren, letztlich deine eigene Biographie vollkommen in Frage stellen. Ich wüsste nicht, wozu das gut sein soll. Außer natürlich, sie will dir Schaden zufügen."
"Wenn ich nun tatsächlich keinerlei persönliche Ambitionen damit verbinden würde?"
"Wie gesagt, dann hätte es eine gewisse Chance, aber eigentlich erst post mortem. Denn das wird dir niemand glauben, und deshalb bist du für eine solche Gründung ungeeignet. Die Partei müsste das in der von mir genannten Weise ausbaden. Sie hätte also so oder so keine Chance. - Oder möchte Sascha Kanzlerin werden?"
"Gute Frage."
"Für den Fall, dass dieser Plan besteht, und ich vermute stark, dass er besteht, solltest du dich nicht zu ihrem Erfüllungsgehilfen machen. Zumal, eines wollen wir nicht vergessen: Sie ist offiziell tot."
"Sie sieht das anders."
"Ach, und wie sieht sie das?"
"Sie sieht das so, dass du demnächst reif bist für einen Deal der ganz besonderen Art: Du rückst die Dokumente, die ihren Tod belegen, raus, dafür kriegst du ne Überlebenschance."
"Äh, genau umgekehrt ist es doch: Ich rücke die Dokumente raus, und sie schreibt sofort einen Bericht ans Amtsgericht. - Nee, da hat sie sich leider verkalkuliert. Ich gedenke, ohne sie zu überleben.
Deine Ansicht dazu?"
"Meine Ansicht. Also."
"Ja, sag es."
"Nun, wenn du standhaft bleibst, beschützt du mich vor ihren weiteren Ambitionen."
"Was will denn son Würstchen mit nem Mann wie dir?"
"Findste, sie passt nich zu mir?"
"Nee, echt. Du brauchst doch was Handfestes, was Gediegenes, jemanden wie..."
"Dich."
"Genau."
"Aber du und ich, wir haben unsere gemeinsamen Pläne restlos begraben. Ist es da nicht letztlich egal? Ich meine, es iss doch nur´n Deal."
"Das´n Nerv-Deal. Denk daran, ich kann nicht jeden deiner Zustände neutralisieren. Gib es doch einfach zu, das wär der Horror für dich."
"..."
"Es stimmt doch!"
"Nun, ich plädiere nur dafür, die Dokumente sorgfältig aufzubewahren."


Antwort
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