Nochmal zu Regel II:
"With a little help from my friends..."
Wie ich mir das vorstelle, das habe ich 2004 in Form eines Kinderbuchs dargestellt. Leider ist mir kurz nach der Veröffentlichung mein Verlag (New Orleans hieß der) abhanden gekommen nebst ISBN.
Dann habe ich das Buch nochmal überarbeitet, Illustrationen dazu angefertigt und es 2005 im Selbstverlag rausgebracht.
Ihr könnt es gerne mal lesen. Ich häng es an.
Leider ohne Illustrationen, sorry, aber die waren heute morgen auf der CD nicht mehr drauf (huch!), ich habe keinen Scanner, aber ich liefere die nach. Dann könnt Ihr Euch das ausdrucken, Spiralbindung und fertig. Kostet fast nix, es handelt sich bei dem Buch nämlich um Freeware ;)!
Liebe Grüße
Anait
Oh je, jetzt spinnt auch noch meine pdf-software, das Buch wurde gerade rückwärts als pdf-Datei gedruckt. Also bitte von hinten anfangen - wie bei ner guten Tageszeitung ;D.
Nochmal oh je, jetzt lässt sich das nicht anhängen, weil zu große Datei. Na gut, dann kommt jetzt einfach Kapitel 1, und damit basta!
[b][center]Die kleinste Schule der Welt[/center][/b]
1. Kapitel
Die Geschichte von der kleinsten Schule der Welt fing an einem Mittwoch im April an. Die Sonne schien warm und freundlich auf einen kleinen Jungen namens Will Washington. Will war genauso ein Junge wie alle anderen auch. Er hatte ein Fahrrad und ein Skateboard. Er spielte gern Fußball, aber noch lieber Basketball.
Will zog jeden Morgen saubere Sachen an. Und komisch: Jeden Abend waren die Sachen so schmutzig, dass sie in die Waschmaschine mussten. Wo dieser viele Schmutz im Laufe des Tages herkam, das konnte Will seiner Mutter nie richtig erklären. Er war eben viel unterwegs, in der Nachbarschaft, auf dem Spielplatz oder auf einem alten Fabrikgelände, wo niemand mehr arbeitete und wo es gefährliche Geheimverstecke, alte Holzstapel und selt- same, verrostete Maschinen gab. Manchmal radelte er auch zum kleinen Fluss, um Fische zu fangen.
Meistens war Will ganz allein unterwegs. Denn obwohl er ein ganz normaler Junge war, hatte er keine Freunde. Das lag an Wills Hautfarbe. Die war nämlich schoko-ladenbraun. Die Kinder in seiner Nachbarschaft machten sich über sein Aussehen lustig und riefen immer „Mohrenkopf“ oder „Negerkuss“ hinter ihm her. Oder sie alberten:
„Wer hat Angst vorm schwarzen Mann? Niemand!“
Darüber war Will oft so traurig, dass er weinend zu seiner Mutter lief. Die nahm ihn dann in die Arme und sagte:
„Mein lieber kleiner Sohn, das machen die anderen Kinder doch nur, weil es ihnen selber nicht gut geht. Sei nicht so traurig. Ich weiß genau, du findest bestimmt bald einen Freund.“
Auch heute, an diesem sonnigen Mittwoch im April, war Will allein unterwegs. Er wollte zum alten Fabrik-gelände, denn da hatte er vor kurzem eine Rumpel-kammer entdeckt. Dort gab es eine alte Hobelbank mit allerhand verstaubten Werkzeugen. Heute wollte er in der Rumpelkammer ein bisschen aufräumen. Er dachte nämlich: So eine Werkstatt kann man gut brauchen, wenn man acht Jahre alt ist und sich dringend selber Spielsachen bauen will.
Doch heute war alles anders als sonst auf dem verwahr- losten Fabrikgelände. Er schlängelte sich wie üblich durch ein Loch im Drahtzaun und ging über die mit Unkraut bewachsene Asphaltfläche auf das große, alte Ziegelgebäude zu. Er glaubte, seinen Augen nicht zu trauen: Mitten auf der Treppe, die zu der Rumpelkammer führte, auf seiner Geheimtreppe, direkt vor seiner neuen Geheimwerkstatt, saß jemand. Es war ein kleiner, runder Junge mit Pausbacken und wild in alle Richtungen stehenden, blonden Haaren. Um den Kopf hatte er ein rotes Stirnband und in den Händen hielt er ein Brötchen und eine Flasche mit Kakao. Will kam näher und guckte den Jungen aus seinen großen, braunen Augen verwun-dert an. Der Junge biss ein ordentliches Stück von seinem Brötchen ab, kippte einen Schluck Kakao hinterher und sagte:
„Hi!“
Will sagte auch:
„Hi!“
Dann schwiegen beide erst mal ein Weilchen, denn der blonde Junge hatte mit Kauen und Schlucken zu tun.
Will fragte höflich:
„Wo kommst du denn her?“
„Von zuhause. Was hattest du gedacht, wo ich her-komme?“
„Weiß nicht. Ich will nur wissen, was du hier machst.“
Der Junge sagte:
„Ich esse und trinke.“
„Ah ja, guten Appetit.“
„Danke.“
Wieder schwiegen beide. Will überlegte, ob er den Jun- gen nett finden sollte. Irgendwie war der ein bisschen komisch, guckte so starr vor sich hin, als ob er sich gar nicht für Will interessieren würde. Will fragte:
„Warum hast du das Stirnband um?“
Der Junge sagte:
„Weil das voll cool aussieht.“
Ja, das stimmte. Es sah eindeutig voll cool aus. Der Junge redete weiter:
„Außerdem ist das mein Erkennungszeichen, genau wie meine grünen Klamotten. Ich zieh nämlich nie was anderes als grüne Klamotten an.“
Will war erstaunt:
„Warum das denn?“
Der Junge sagte in leicht verächtlichem Tonfall:
„Grün ist die Farbe der Hoffnung. Und ich habe eine Hoffnung. Aber das geht dich gar nichts an.“
Will wurde neugierig:
„Was ist das denn, eine Hoffnung?“
Der Junge wurde noch verächtlicher:
„Wie, du weißt nicht, was eine Hoffnung ist?“
Will sagte:
„Kann sein, dass ich es doch weiß, aber ich bin noch nicht so lange in Deutschland und kenne noch nicht alle Wörter. Ich komme nämlich aus Togo. Und du hast garantiert keine Ahnung, wo das liegt!“
Der Junge schwieg und trank ausgiebig aus seiner Kakao- flasche. Dann sagte er:
„Also, ne Hoffnung, das ist was, worauf man sich freut, was aber vielleicht nicht passiert.“
„Ach so, ja, dann weiß ich, was eine Hoffnung ist. Mein Vater sagt immer: Ich freue mich so darauf, wenn wir eines Tages alle unsere Freunde und Verwandten in Togo wiedersehen. Aber es kann sein, dass wir da nie- mals im Leben mehr hinfahren dürfen.“
Der Junge fragte:
„Warum dürft ihr denn da nicht hinfahren?“
„Weil mein Vater und unsere ganze Familie aus Togo fliehen musste.“
Der Junge guckte plötzlich interessiert:
„Wieso fliehen? Ich meine, waren etwa Verbrecher hinter euch her? Und wo liegt denn Togo nun genau?“
Will grinste etwas und sagte:
„Togo liegt in Afrika. Mein Vater hat dort für eine große Zeitung Berichte geschrieben. Und in den Berich- ten stand drin, dass die Regierung selber die Gesetze nicht einhält, dass es eine schlechte Regierung ist, eine Diktatur.“
Bei dem Wort Diktatur zuckte der blonde Junge leicht zu- sammen. Vielleicht fiel ihm gerade ein, dass er für die Schule noch ein Diktat üben musste. Will sagte weiter:
„Und dann hat die Regierung in Togo meinen Vater ins Gefängnis gesperrt und wollte ihn wegen seiner Berichte zum Tode verurteilen. Aber das hat meine Mutter gar nicht eingesehen, sagt sie, da hat sie dann überall in der Welt nach Ländern gesucht, wo mein Vater mit uns hinfliehen kann, und deshalb sind wir jetzt seit zwei Jahren hier.“
Der Junge sagte:
„Cool!“
Er biss von seinem Brötchen ab und sagte kauend:
„Deshalb hab ich ja zusätzlich das rote Stirnband. Rot steht nämlich für Liebe. Ich finde, es sollte ein bisschen mehr Liebe auf der Welt geben. Später werde ich Rockmusiker, und dann sage ich das den Leuten mit meiner Musik.“
„Oh!“, sagte Will, „das klingt voll abgefahren! Wie heißt du überhaupt?“
Der Junge sagte:
„Ich heiße Steffen Starkstrom.“
„Ich bin Will Washington, und wenn ich groß bin, dann werde ich Präsident von Amerika.“
Steffen lächelte plötzlich:
„Hej! Das ist echt voll der coole Plan!“
Will nickte:
„Ja“
Irgendwie wurden die beiden Jungen nun ein bisschen verlegen, denn sie hatten sich gegenseitig so viele Sachen erzählt, die sie normalerweise niemandem sagen würden, und das fühlte sich so seltsam vertraut an. Dabei kannten sie sich doch noch gar nicht! Steffen aß erst mal sein Brötchen auf, trank seinen Kakao aus und sagte:
„Ich wollte mich hier mal näher umsehen, denn ich suche einen Übungsraum für meine Band.“
Will bekam noch größere Augen als er ohnehin schon hatte, und fragte ehrfürchtig:
„Was, du hast eine eigene Band?“
Steffen murmelte:
„Nee, das nicht. Aber ich könnte ja eine haben, und dann brauchen wir doch einen Raum zum Üben, das leuchtet ja wohl ein, oder?“
Will fand, dass das total einleuchtete. Er sagte:
„Ich kenne mich hier gut aus, weil ich schon ganz oft hier war. Soll ich dir mal alle Räume und Schuppen zei- gen, in die man rein kann?“
„Au ja“, erwiderte Steffen, „wir machen einen Rund- gang.“
Er stand auf und zog seinen verrutschten, grünen Pull-over zurecht. Er war einen Kopf kleiner als Will und wirklich ziemlich dick. Will hatte ihn wohl etwas zu lange angeguckt, denn er sagte in trotzigem Tonfall:
„Rocker dürfen dick sein.“
Will guckte weg und dachte, dass er nur sehr wenig über Rocker wusste. Er wollte auch lieber nicht nachfragen, weil er das Gefühl hatte, dass Steffen gerade schlechte Laune bekommen hatte. Also sagte er:
„Komm, ich zeige dir erst mal die Fabrikhalle.“
Eigentlich war es keine richtige Halle, mehr eine große Werkstatt. Aber da hing ein altes, verwittertes Schild an der Ziegelwand über dem großen, hölzernen Tor, wo „Dittmers Fahrradfabrik“ draufstand. Es war eben eine kleine Fabrik gewesen. Will gefiel der Gedanke, dass hier früher mal viele Leute gearbeitet und Fahrräder her- gestellt hatten. Er sagte zu Steffen:
„Wir müssen auf die Rückseite des Gebäudes gehen, da ist ein Fenster kaputt, durch das wir reinklettern können.“
Um an das Fenster zu kommen, mussten sie durch allerhand Gestrüpp kriechen. Unterhalb des kaputten Fensters stand eine umgedrehte, alte Holzkiste.
„Die hab ich da extra hingestellt, sonst kommt man nicht an das Fenster ran. Du musst aufpassen, dass du dir die Hände nicht an den zerbrochenen Glasstücken schneidest. Hier, ich hab ein paar Lappen unter der Kiste versteckt, die kannst du dir um die Hände wickeln.“
Steffen war wohl noch nie in seinem Leben in eine alte Fabrik geklettert, denn er guckte etwas ängstlich und fragte:
„Dürfen wir denn überhaupt hier rein?“
„Klar“, sagte Will, „hier ist nie ein Mensch. Das gehört bestimmt keinem.“
„Woher willst du das so genau wissen?“, fragte Steffen. Will fand die Frage blöd. Er sagte:
„Ich habe diese Fabrik schließlich gefunden. Ich ganz alleine. Also, wenn die wem gehört, dann mir.“
Ja, das sah Steffen ein, und so kletterte er hinter Will durch das Fenster. Im Innern der Fabrik sah es gar nicht so verlassen aus, wie er gedacht hatte. Vor den Fenstern befanden sich alte massive Werkbänke mit vielen grünen Schubladen. Mitten in der Halle standen in schöner Ordnung große, metallene Ungetüme, die von einer Staubschicht und vielen Spinnweben überzogen waren. Die Spinnennetze glitzerten fremdartig im Sonnenlicht. Will sagte:
„Das sind die Maschinen, mit denen die Fahrradteile hergestellt worden sind.“
Steffen schien gar nicht zuzuhören. Er strich mit einem Finger etwas Staub von einem der Metallungetüme.
„Grün!“, sagte er und schaute verträumt ins Sonnen- licht. „Ob es hier auch eine Hoffnung gibt?“
Will runzelte die Stirn und guckte ihn etwas schief von der Seite an. Ob der vielleicht doch etwas spinnert war, der Steffen mit seinem Grün? Er sagte:
„Hm, das mit deiner Hoffnung scheint ja irgendwie ein Problem zu sein.“
Steffen guckte ihn an und sagte gar nichts. Er sah plötzlich ganz winzig und einsam aus. Will fühlte sich davon unbehaglich. Er machte eine Schublade auf und sagte:
„Guck mal, alle Schubladen sind leer. Die haben alle Werkzeuge mitgenommen, als sie die Fabrik geschlossen haben.“
Steffen stand immer noch klein und kümmerlich neben der großen Maschine.
Dann suchte er in seiner Hosentasche herum und sagte:
„Mist, ich habe gar nichts mehr zu essen.“
Will merkte, dass er auch Hunger hatte, aber jetzt wollte er doch erst mal wissen, was mit dem kleinen Wicht eigentlich los war.
„Steffen“, sagte er, „mir geht ´s auch oft nicht gut. Immer ärgern mich die andern Kinder. Die sind total fies zu mir. Du kannst mir ruhig mal sagen, warum du eine Hoffnung hast.“
Steffen schwieg vor sich hin. Will merkte, dass er über-legte, ob er ihm von seinen Sorgen erzählen sollte.
„Komm schon“, sagte er, „hier hört es doch niemand außer mir.“
Nach einer Weile sagte Steffen mit einer ganz leisen Stimme:
„Es ist wegen meiner Mutter. Sie ist ganz doll krank. Sie muss vielleicht sterben. Und ich will nicht, dass sie stirbt.“
Will fühlte sich im Innern plötzlich etwas zittrig. Er musste an seine eigene Mama denken und sagte:
„Deine arme Mama. Bestimmt ist sie auch ganz traurig. – Jetzt verstehe ich, warum du eine Hoffnung hast. Du hoffst, dass sie wieder gesund wird.“
Steffen nickte. Will dachte: Hoffentlich fängt der jetzt nicht zu heulen an, dann fange ich auch an. Am liebsten wäre er zu Steffen hingegangen und hätte ihn in den Arm genommen. Aber das ging ja nicht, er kannte ihn ja erst seit einer Stunde. Stattdessen sagte er:
„Komm, Steffen, wir gehen. Wenn du willst, kannst du auf einen Sprung mit zu mir nach Hause kommen. Ich lade dich zum Abendbrot ein.“
Steffen hatte die ganze Zeit reglos auf den Boden gestarrt. Jetzt hob er den Kopf und guckte Will mit dem liebsten Blick an, mit dem ihn je ein Kind angeguckt hatte. Er sagte:
„Das ist aber nett von dir.“
Sie kletterten durch das zerbrochene Fenster wieder ins Freie und verstauten die Lappen unter der Kiste. Beiden war klar, dass sie bald wiederkommen würden. Dann krochen sie durch das Gestrüpp, klopften sich die Erde und trockenen Blätter von den Kleidern und gingen dann einträchtig durch die Straßen des Vororts der großen Stadt zu Wills Wohnung. Sie redeten fast nichts. Denn beide hatten viel zu denken. Es waren fast die gleichen Gedanken, die ihnen durch den Kopf gingen. Will dachte: Vielleicht habe ich endlich einen Freund gefunden. Und Steffen dachte: Es ist schön, wenn einer einen versteht.
also jetzt will ich wissen wie es weiter geht! 🙂
lieben gruß
Fabs
2. Kapitel
Nach einer Weile erreichten Will und Steffen ein großes Haus, das früher einmal weiß gewesen sein musste, mit etwas Gras und Mülltonnen drum herum.
„Hier lang geht ´s“, sagte Will und bog in den Plattenweg ein, der zur offen stehenden Haustür führte. Sie betraten einen dunklen Hausflur mit vielen Türen und einer breiten, alten Treppe, die ganz ausgetretene Stufen hatte. Steffen merkte, dass es etwas merkwürdig roch. Auch lagen da Zeitungen und Werbeprospekte durcheinander gewirbelt auf den Treppenstufen. Von den Wänden hingen hier und da die Tapeten herunter und der dunkelbraune Lack auf den Türen blätterte ab. Es war nicht gerade anheimelnd und säuberlich in diesem Hausflur.
Will machte eine großzügige Handbewegung, so als wollte er den Zustand des Hauses einfach wegwischen. Er sagte:
„Hier wohnen viele Familien und keiner von all den Leuten hat Lust, diesen blöden Flur sauber zu machen.“
Klar, dazu hätte Steffen auch keine Lust gehabt.
Will ging den Flur entlang bis zur letzten Tür und klopfte an. Die Tür wurde von Innen aufgeschlossen, und da stand eine Frau, die Wills Mutter sein musste, und sagte, als hätte sie niemand anderen als Steffen erwartet:
„Ah, Will, schön, dass du deinen Freund mitgebracht hast. Kommt rein, ihr zwei.“
Steffen war gespannt, wie Wills Zuhause aussehen würde. Was er dann allerdings sah, erstaunte ihn sehr. Wills Zuhause bestand nämlich nur aus einem einzigen Zimmer. In dem Zimmer befanden sich drei Etagen- betten, ein Esstisch, eine Reihe Stühle, zwei Schränke und eine Küchenecke, außerdem Wills Mutter, Wills Vater und drei kleine Jungen, die auf den ersten Blick genauso wie Will aussahen, nämlich schokoladenbraun mit dicken, krausen, schwarzen Haaren.
„Hier wohnen wir“, sagte Will.
„Alle?“, fragte Steffen.
„Ja klar, alle.“
„Und wo ist euer Badezimmer?“
„Es gibt in diesem Haus für alle Familien Gemein-schaftsduschen.“
„Gemeinschaftsduschen?“
„Ja, wie im Sportverein.“
Ach ja, wie im Sportverein. Steffen fand Gemeinschafts- duschen sehr ungemütlich und überlegte, warum es hier wie im Sportverein war. Wills Mutter sagte:
„Die Leute, die hier wohnen, haben kein Geld. Wir sind alle froh, dass wie überhaupt Duschen und ein Dach über dem Kopf haben.“
Sie lächelte ihn an und fragte:
„Sag mal, wie heißt du denn?“
„Ich heiße Steffen Starkstrom.“
Sie reichte ihm die Hand und sagte:
„Ich bin Aimee, die Mama von all diesen Jungs hier. Will ist der älteste, dann kommt Timmy, der ist fünf, dann Maurice, unser Dreijähriger, und unser kleinster, der heißt Baby Josi, der übt gerade Laufen.“
Ja, tatsächlich, Baby Josi übte gerade Laufen und fiel genau in diesem Moment der Länge nach auf den Bauch. Alle lachten, nur Baby Josi nicht. Er brüllte. Wills Vater, der auf einer Bettkante gesessen hatte, stand auf und nahm Baby Josi auf den Arm. Sofort hörte das Gebrüll auf. Aimee sagte:
„Und das ist Wills Papa. Er heißt Ben.“
Ben machte eine kleine Verbeugung in Steffens Richtung. Will sagte zu seiner Mutter gewandt:
„Ich habe den Steffen zum Abendbrot eingeladen, wenn du nichts dagegen hast.“
Aimee hatte offensichtlich nichts dagegen, denn sie schob für Steffen einen Stuhl zurecht und sagte:
„Ich freue mich, dass wir mal Besuch haben. Komm, Steffen, setz dich. Ich decke den Tisch auf.“
Steffen fühlte sich ein bisschen überwältigt von so vielen schokoladenbraunen Leuten auf einem Haufen. Er setzte sich schnell hin und sagte gar nichts. Will setzte sich gegenüber von ihm ihn. Plötzlich war es ganz still in dem Raum. Keiner sagte was, nur Aimee machte ein bisschen Krach mit dem Geschirr in der Küchenecke. Steffen guckte sie sich genauer an. So eine Frau hatte er noch nie gesehen. Sie hatte ein langes Kleid in verschiedenen Gelb- und Orangetönen an und ein Tuch um den Kopf gewickelt, das fast wie ein Turban aussah. Alles an ihr war irgendwie rund, ihre Hüften, ihre Arme, ihr Kopf, ihre Nase, ihre Lippen, ja, sogar ihre nackten Füße, die unter dem Kleidersaum hervorguckten, sahen rund aus. Steffen starrte sie an.
Wills Vater sagte:
„Ja, da staunst du, Steffen. Unsere Aimee, die ist unser größter Schatz! Als ich sie zum ersten Mal gesehen habe, habe ich genauso geguckt wie du. Das war vor zehn Jahren in einem kleinen Dorf in Togo. Ich war da aus unserer Hauptstadt hingefahren, um einen Bericht über ihr Heimatdorf für unsere Zeitung zu schreiben. Ich bin nämlich Journalist.“
„Und Schriftsteller“, fügte Will hinzu, „er schreibt Bücher. Über Afrika. Aber schwierige, nicht für Kinder.“
Steffen sagte:
„Aha.“
Mehr fiel ihm nicht ein.
„Er fand Mama ganz toll, als er sie zum ersten Mal gesehen hat“, fuhr Will fort.
„Ja“, sagte Ben, „sie ging da so ehrwürdig und anmutig zugleich mit einem Eimer Wasser auf dem Kopf mitten durch ´s Dorf.“
„Mit einem Eimer Wasser auf dem Kopf?“, fragte Steffen.
„Wir haben in Togo die Brunnen, die die Menschen mit Wasser versorgen, oft etwas außerhalb der Dörfer“, erklärte Ben, „deshalb holen die Frauen das Wasser immer mit Eimern, wenn sie kochen oder Geschirr spülen wollen. Die Eimer tragen sie dabei auf dem Kopf. Freihändig.“
„Und dann hat Papa gleich gedacht: Oh, unter diesem Eimer befindet sich die schönste Frau von Togo“, sagte Will und sah sehr stolz aus. Aimee lachte mit einem kleinen Glucksen und sagte:
„Nun ist aber gut. Mehr erzählt ihr aber nicht über mich.“
„Wieso denn nicht, Aimeechen, die Wahrheit muss doch mal auf den Tisch“, sagte Wills Vater, ging zu Aimee und kitzelte sie ein bisschen am Hals, genau da, wo sich einige besonders vorwitzige Krauslöckchen unter dem Kopftuch hervorwagten. Er sagte:
„Es war einfach Liebe auf den ersten Blick. Bei ihr auch.“
Er zupfte an ihren Löckchen.
„Stimmt ´s, Aimee?“
Aimee sagte:
„Wenn du mal bitte die Teller auf den Tisch stellen könntest, statt hier so rumzusäuseln.”
Ben lachte und sagte:
„So ist sie immer. Sagt man mal was Nettes, dann brummt sie einem gleich ne Arbeit auf.“
Und obwohl er etwas kleiner und viel dünner als Aimee war, hatte er sie plötzlich ein Stückchen hochgehoben und trug sie zum Tisch, als wäre sie leicht wie eine Feder. Er sagte:
„So, zuerst decke ich mal dich auf. Setz dich hin, Aimee, und unterhalte unseren Gast. Du musst nämlich wissen, Steffen, dass Aimee nicht nur die schönste Frau von Togo war, nee, es ist wirklich unfassbar! Seit wir hier sind, ist sie auch noch die schönste Frau von Deutschland. Und außerdem ist sie die unterhaltsamste Frau der Welt.“
Aimee lachte wieder und sagte:
„Und du bist mit Sicherheit der albernste Mann der Welt!“
Sie sah glücklich aus. Und tatsächlich sah sie auch sehr schön aus. Es war, als ob etwas an ihr leuchtete und funkelte.
Steffen guckte sie an und musste an seine eigenen Eltern denken. Wie die sich immer gestritten oder oft kein Wort mehr miteinander geredet hatten. Wie sie ihm eines Tages gesagt hatten, dass sie sich nicht mehr lieb hätten, und dass sein Vater woanders hinziehen würde. Er fühlte einen Stich in der Brust. Er wollte nicht daran denken, nicht jetzt, wo es gerade so schön und gemütlich war. Und gleich würde es was zu essen geben. Nein, er mochte jetzt nicht an Zuhause denken.
Aimee hatte wohl bemerkt, dass Steffen mit seinen Ge- danken woanders war. Denn sie guckte ihn ernst an und sagte mit gedämpfter Stimme:
„Weißt du, Steffen, es ist unser Glück, dass wir uns lieb haben. Denn sonst würden wir es nicht aushalten hier in Deutschland mit unserer Sehnsucht nach Afrika und mit diesen blöden Gemeinschaftsduschen, wo so oft nur kaltes Wasser kommt.“
Brrr, kaltes Wasser! Steffen musste sich ein bisschen schütteln bei der Vorstellung.
Aimee fuhr fort:
„Ich hätte ja niemals im Leben gedacht, dass ich mal einen Schriftsteller heiraten würde. Niemals im Leben, denn ich konnte damals überhaupt nicht lesen und schreiben. Ich bin nie zur Schule gegangen. Das war nicht üblich bei uns im Dorf.“
„Oh“, sagte Steffen, „das muss ja ein cooles Dorf sein, wenn die Kinder da nicht zur Schule gehen müssen.“
Ihm fiel nämlich gerade wieder das Diktat am nächsten Tag ein.
„Du bist ja lustig, Kindchen!“, rief Aimee, „weißt du denn nicht, dass es für ´s spätere Leben sehr wichtig ist, dass man zur Schule geht und Lesen und Schreiben und vieles, vieles mehr lernt? – Ich war traurig, dass ich nichts lernen durfte. Richtig unglücklich war ich da- rüber.“
„Es macht aber überhaupt keinen Spaß, zur Schule zu gehen“, sagte Steffen.
„Das sagt Will auch immer“, sagte Aimee, „und dann sage ich immer, dass er dankbar sein soll, weil er zur Schule gehen und richtig klug werden kann.“
„Ich bin aber kein bisschen dankbar“, sagte Will, „die anderen Kinder sind immer blöd zu mir in der Schule, die ärgern mich den ganzen Tag, diese Schweine!“
„Das sind keine Schweine, Will!“, ertönte Bens Stimme aus der Küchenecke. „Ich möchte nicht, dass du so etwas sagst. Es liegt an der falschen Organisation, das habe ich dir schon ganz oft gesagt. Es liegt nicht an den Kindern selber. Merk dir das doch endlich!“
Steffen wusste nicht, was das Wort Organisation bedeuten sollte. Er guckte Aimee fragend an. Sie sagte:
„Ben meint, dass die Leute in der Schule falsch zusammen arbeiten. Es gibt zwischen den Eltern und Lehrern einen zu großen Abstand, und die Kinder werden nicht richtig ernst genommen. Er meint, das die Be- stimmer in diesem Land falsche Spielregeln für die Schulen bestimmt haben, an die sich aber alle halten müssen.“
Steffen fiel ein, wie merkwürdig sich seine Mutter immer gegenüber seiner Klassenlehrerin verhielt. Sie tat immer so, als wäre zuhause bei ihnen alles in bester Ordnung und wurschtelte gleichzeitig so nervös mit ihren Händen herum. Sie wurde immer ganz klein und fast ein bisschen demütig, wenn sie mit der Lehrerin sprach; und wenn die Lehrerin einen Scherz machte, dann lachte seine Mutter irgendwie künstlich. Das hörte sich ziemlich doof an.
Er durfte der Lehrerin auch nicht erzählen, wie krank Mama war. Sie hatte gesagt: „ Ich will das nicht, dass sich das rumspricht.“
Dabei war die Lehrerin eigentlich richtig nett, wenn sie nicht gerade genervt war, weil die Kinder im Unterricht nicht zuhörten oder ihre Hausaufgaben vergessen hatten. Einmal, da hatte er zum Unterrichtsschluss noch etwas herumgetrödelt, sodass er als einziger im Klassenraum übrig geblieben war. Alle anderen Kinder waren schon weg. Nur die Lehrerin hatte noch vorn an ihrem Pult gesessen und Arbeitsblätter sortiert. Da hatte sie ihn plötzlich angeguckt und gesagt: „Du, Steffen, ich will dir mal was sagen. Wenn du irgendwelche Sorgen oder Probleme hast, dann kannst du damit ruhig zu mir kommen und mir davon erzählen. Manchmal könne Lehrer nämlich helfen, wenn es einem Schulkind schlecht geht.“ „Hm“, hatte er gesagt und daran gedacht, dass seine Mutter nicht wollte, dass er was von zuhause erzählte. Dann hatte er aber noch hinzugefügt: „Es ist aber nichts.“
Die Lehrerin hatte ihn freundlich angeguckt und gesagt:
„Ich sag ´s ja auch nur für den Fall der Fälle. Also weißt du jetzt, wenn doch mal was ist, dann bin ich auch noch da.“ Und dann hatte sie ihm ein Radiergummi ge- schenkt, weil er sein eigenes aus Versehen klein gekaut hatte. Zum Schluss hatte sie ihm auf die Schulter geklopft und gesagt: „Kopf hoch, Steffen, es kommen auch wieder bessere Zeiten.“
Ob diese besseren Zeiten vielleicht gerade anfingen? Ob es vielleicht ein Glücksfall war, dass er gerade heute Will und seine Familie kennen gelernt hatte?
Er wusste es nicht, aber er fühlte sich nicht mehr so bedrückt, seit er Will von seiner Mutter erzählt hatte.
Gedankenversunken saß er da, während um ihn herum Wills kleine Brüder spielten und lärmten. Will knuffte ihn in die Seite und sagte:
„He, Steffen, denk doch nicht an die blöde Schule.“ Steffen sah hoch. Ach, das Essen stand ja schon auf dem Tisch. Alle setzten sich und Aimee sagte:
„Guten Appetit allerseits.“
Es gab Weißbrot, Käse und Tomaten und Gurken, dazu einen Tee, der nach Zimt roch. Steffen fing an zu essen. Normalerweise stopfte er sich das Essen nur gedankenlos rein, Hauptsache, das Loch in seinem Magen wurde kleiner. Aber hier bei Wills Familie ging das nicht. Denn Aimee sagte:
„Jeder bekommt zwei Scheiben Brot. Und seid bitte sparsam mit der Kräuterbutter, damit sie für alle reicht.“
Sie guckte Steffen an:
„Wir müssen nämlich sparen.“
So teilte er sich alles auf seinem Teller gut ein und aß ganz langsam, um möglichst lange was von dem Essen zu haben. Er stellte fest, dass das Essen zum ersten Mal seit langer Zeit wieder Geschmack hatte. Mehr noch, es schmeckte richtig gut.
Ob das vielleicht auch ein Zeichen dafür war, dass gerade bessere Zeiten anbrachen?
super geschichte!!!!
Mehr davon, mehr Bitte!!!!! 🙂
könnt ihr das bitte privat weitermachen? ich denke nicht das es sinnvoll ist ein komplettes buch in einen forenthreat zu posten...
danke für eure aufmerksamkeit 😉